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Ist der Diskus von Phaistos echt?







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In der Ausgabe von Juli/August 2008 der archäologischen Zeitschrift MINERVA lesen wir folgende Überschrift:

Der Diskus von Phaistos  – ein 100 Jahre alter Scherz!

     Es handelt sich hier um den 10. Artikel einer Serie des Chefredakteurs der Zeitschrift MINERVA, Jerome M. Eisenberg, Ph.D, der sich mit den Problemen von Fälschungen in antiker Kunst beschäftigt. Der Verfasser ist ein sehr bekannter Experte, der sich seit vielen Jahren mit derartigen Fälschungen befasst. Er hat auch an entsprechenden Fernsehprogrammen mitgewirkt.
     Der Diskus wurde 1908 von dem italienischen Archäologen Louis Pernier im Zuge der Ausgrabungen in Phaistos (Festos) gefunden. Eisenberg behauptet nun, dass der Diskus von seinem „Entdecker“ selbst geschaffen wurde.

Motivation:

    Warum sollte Pernier wohl so einen Streich gespielt haben? Sein Kollege, der italienische Archäologe Federico Halbherr, hat 1884 Grabungen in Gortys durchgeführt. Halbherr war höchst erfolgreich und fand diverse Objekte mit Texten in Altgriechisch, die aus dem frühen 5. Jh. v. Chr. stammten, u. zw.  „Die Große Inschrift“, der erste Gesetzescodex Europas, niedergeschrieben auf den Stadtmauern. Halbherr wurde dank dieser Entdeckung sehr berühmt. Pernier arbeitete mit anderen italienischen Archäologen, die in dieser Gegend Grabungen  durchführten, nämlich in der Messara Ebene. Zu Beginn des 19.Jhts hat er in Phaistos gearbeitet. Das war zur selben Zeit, als Arthur Evans mit den Grabungen in Knossos begann, wo er bald eine Anzahl von Tonscheiben mit minoischen Linear A und B – Inschriften fand. Pernier hegte große Erwartungen ebensolche Funde machen zu können. Es kann angenommen werden, dass er um das Jahr 1908 aber keinerlei Inschriftenmaterial gefunden hat. Was also könnte er wohl entdecken? Er hatte bald die Antwort darauf: Die Schaffung einer „Reliquie“ mit einem unübersetzbaren piktographischen Text – den Diskus von Phaistos! Pernier war ein italienischer Archäologe. Während seiner Ausbildung in Italien musste er über den Diskus von Magliano, das populärste wissenschaftliche Thema der Zeit um das Jahr 1890, bestens Bescheid gewusst haben. Der Diskus wurde von italienischen Archäologen in den späten 1880-iger Jahren ausgegraben und zeigt große Ähnlichkeiten mit dem Diskus von Phaistos. Die ganze Beschaffenheit ist fast identisch in seiner runden Form und dem spiralenförmig einwärts angeordneten etruskischen Text. Die etruskische Sprache war damals noch nicht entziffert. Der Diskus von Phaistos und der Diskus von Magliano sind die einzigen dieses „Typs“, die man auf der Welt gefunden hat.





    In dem Artikel von Dr. Eisenberg werden alle Aspekte des Diskus sorgfältig analysiert, um Licht in das Dunkel um die wahre Natur seines Ursprungs zu bringen. Da sich der Verfasser  mit dem Thema Fälschungen seit langem befasst, hat er genügend einschlägige Erfahrungen gesammelt, um seine Arbeit:

„Die stilistischen Kriterien von Fälschungen antiker Kunst“

herauszubringen.
    Seine „Sammlung über die Ästhetik von Fälschungen“ wurde 1992 in MINERVA publiziert.
    Man könnte es ebenso gut auch:

„Anleitung zum Aufdecken von Fälschungen antiker Kunst“
nennen.
    Diese Anleitungen werden in vielen Punkten aufgelistet. Diese 9 hier angeführten sind alle im Hinblick auf den Diskus von Phaistos relevant.

<!--[if !supportLists]-->1.    <!--[endif]-->Die Gegensätzlichkeit in der Ausführung der Elemente
<!--[if !supportLists]-->2.    <!--[endif]-->Die Diskrepanz im Grad der Abstraktion der Elemente
<!--[if !supportLists]-->3.    <!--[endif]-->Das unikale Element in der Konstruktion
<!--[if !supportLists]-->4.    <!--[endif]-->Der unverwechselbare Stil: Das Auftauchen eines hoch entwickelten Stils oder Typs, der bisher unbekannt war.
<!--[if !supportLists]-->5.    <!--[endif]-->Wiederholt auftauchende gefälschte beliebte antike Motive und Darstellungen in Zeitabschnitten oder Regionen, in denen sie normalerweise nicht vorkommen sowie auch erfundene Details
<!--[if !supportLists]-->6.    <!--[endif]-->Spiegelbildliche Umkehr der Darstellung
<!--[if !supportLists]-->7.    <!--[endif]-->Eine Synthese  geographisch unterschiedlicher Stile.
<!--[if !supportLists]-->8.    <!--[endif]-->Widersprüchlichkeit bezüglich der Zeit, der die Elemente zugeordnet werden
<!--[if !supportLists]-->9.    <!--[endif]-->Korrektur durch Eliminierung. Man kann  eine geringe Anzahl solcher Elemente der Antike zurechnen, aber eine so große Anzahl derartiger Elemente wie auf dem Diskus legen die Schlussfolgerung nahe, dass es sich um eine Fälschung handelt.

Ähnlichkeiten zwischen den 9 Punkten dieser „Anleitungen“ und dem echten Diskus von Phaistos.

    Die Punkte sind nummeriert (*1*) / (*2*) etc., analog zu den oben erwähnten Punkten.
    Der Diskus war von Beginn an ein umstrittenes Objekt, das Diskussionen auslöste. Bis jetzt gibt es einhundert veröffentlichte Versuche den Text zu entziffern. Viele dieser Versuche sind ganz fantastisch! Keiner von ihnen hat auch nur die geringste Ähnlichkeit mit einem der anderen! Der Diskus von Phaistos ist einzigartig. Im Gegensatz zu allen anderen Funden von minoischen Tonscheiben, die alle rechteckig sind, ist der Diskus von Phaistos fast völlig rund! Das Eigenartigste dabei ist, das die Zeichen nicht eingraviert sind, sondern mit Stempeln aufgedruckt! Zu jedem Zeichen gehört ein passender Stempel! Also eine Drucktechnik 3200 Jahre vor Gutenberg! Der Verfasser, Dr. Eisenberg, findet es doch einigermaßen mysteriös, dass es offensichtlich keinen einheitlichen Plan gibt, was man bei einer so hoch entwickelten Schrift dieser Art erwarten würde. Die Zeichen sind mehr oder weniger zufällig aufgedruckt, manchmal zeigen sie nach unten, manchmal nach oben, nach links oder rechts. Ein anderes Problem ist die Tatsache, dass derartige Stempel, die dazu verwendet wurden diesen Diskus zu gestalten, niemals gefunden wurden! Auch keine Kopie dieses Diskus! Die meisten  Tonscheiben, die bis heute erhalten sind, wurden durch Zufall gebrannt. Der Diskus von Phaistos wurde perfekt homogen gebrannt, so wie das nur in einem modernen Brennofen für Keramik möglich sein kann. (*3*) (*4*). Wenn man den Diskus zum ersten Mal analysiert, so wird einem sofort der Unterschied zwischen den einzelnen Zeichen auffallen. Einige Zeichen stellen Objekte mit dem höchsten Grad an „fotografischer“ Präzision dar, während andere hochgradig abstrakt dargestellt sind! Mit genügend Fantasie und gutem Willen kann man akzeptieren, dass einige der Zeichen auf dem Diskus von Phaistos eine gewisse Ähnlichkeit mit jenen von Linear A und B sowie mit Hieroglyphen aus Anatolien, ja sogar aus Ägypten haben! Es gibt auch einige Hieroglyphen aus Kreta. Man kann also durchaus annehmen, dass der Fälscher diese Zeichen von anderen Systemen gestohlen hat. Um die Konfusion perfekt zu machen, hat er noch die Bilder einiger Prototypen der „gestohlenen Zeichen“ einfach umgedreht. Das Resultat kann man daher nur als „Mixtur“ bezeichnen! Daher gibt es  Hieroglyphen auf dem Diskus, bei denen der geographische Aspekt sich von jenem aus Anatolien im Norden, von jenem in Ägypten im Süden, wie auch von den Zeichen der kretischen Linear A und B Schrift unterscheidet!  (*1*) /  (*2*) /(*6*)
     Chronologisch betrachtet bedeutet das eine Zeitspanne von mindestens 600 Jahren! Man kann sagen, dass der Diskus von Phaistos mit keinen anderen kretischen Hieroglyphen vergleichbar ist, außer dass einige Zeichen etwas gemeinsam mit jenen der Inschrift auf der  „Beschrifteten Bronzeaxt von Arkalochori“ haben.
    Das ist an sich etwas, was mir bereits vor vielen Jahren verdächtig vorkam, weil von den 15 Hieroglyphen, 10 einzigartig sind! (*5*) / (*7*) / (*8*).
    Da viele der Zeichen verschiedene Objekte sehr naturgetreu darstellen, gab es Leute, die annahmen, dass der Diskus von Phaistos zu einem piktographischen Schriftsystem gehört. In einem solchen System entspricht jedes Zeichen einem dargestellten Objekt, aber nicht dem Wort, sondern der Abbildung als solcher. Daher bedeutet das Zeichen in einem piktographischen System die grundlegende Aussage der Abbildung. Ein Beispiel: Im japanischen ideogrammatischen Schriftsystem bedeutet die Abbildung eines HERZENS Herz. Andere Bedeutungen werden durch Nebeneinanderdarstellungen verschiedener Abbildungen geschaffen: HERZ+ MESSER = Schmerz. Es ist leicht zu verstehen, dass ein solches System tausende Bilder zu einer verständlichen Kommunikation benötigt. Der Diskus von Phaistos hat aber nur 45 Zeichen. Einige von ihnen werden oftmals wiederholt. Es ist daher nicht möglich, das der Diskus zu einem piktographischen System gehört. Die meisten der antiken Schriftsysteme im mediterranen nahöstlichen Raum sind Silbensysteme. In einem solchen System bedeutet jedes Zeichen eine Silbe, die aus einem Konsonanten und einem oder 2 Vokalen besteht. Im Gegensatz zu den Piktogrammen stellt in einem Silbensystem jedes Zeichen das Wort des jeweiligen Begriffes dar. Zum Beispiel: das Zeichen für HERZ, im Griechischen KARDIA, Silbe = KA.
    Wie bereits oben erwähnt, enthält der Diskus von Phaistos  nur 45 Zeichen, wohingegen die bekannten Silbenschriftsysteme, wie zum Beispiel Linear A und B mehr als die doppelte Anzahl von Zeichen aufweisen. Ein phonetisches Alphabet, wie das Griechische, das 1000 Jahre später entstanden ist, braucht hingegen nur 24 Buchstaben. Daraus können wir schließen, dass die Art, wie der Diskus von Phaistos gestaltet ist, niemals dazu ausersehen war, eine verständliche Aussage zu transportieren!

Persönliche Anmerkungen

    Ich gehöre zu denen, die das Mysterium der Minoer seit den Tagen meiner Kindheit fasziniert hat. Als ich den Artikel von Dr. Eisenberg gelesen hatte, erinnerte ich mich an etwas, was 40 Jahre zurückliegt. Ein Freund von mir erhielt von Verwandten, die auf Urlaub waren, eine Ansichtskarte mit dem Diskus von Phaistos und er brachte sie zu mir, um nähere Informationen darüber zu erhalten. Damals wusste ich noch nicht viel über diesen Gegenstand und so brachte ich ihn zu einem Kollegen, der Historiker war, nichts ahnend, dass sein Fachgebiet das Etruskische, nicht aber das Minoische war. Augenblicklich präsentierte er mir ein Buch mit der Abbildung des Diskus von Magliano! Ich erinnere mich sehr gut daran als er lachend sagte: „Dieser da, der von Phaistos, sieht aus wie neu, während der von Magliano wirklich alt aussieht!“ Ich hatte das völlig vergessen, bis ich das Bild in dem MINERVA -Artikel sah! Da ist mir plötzlich ein Licht aufgegangen.
     Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der minoischen Schrift. Es war nie meine Absicht den Diskus oder Linear A und B zu entziffern, aber ich habe versucht dieses Mysterium besser zu verstehen. Ich habe viel über die maßgeblichen Versuche, den Diskus zu entziffern, gelesen.  Zwei dieser Bücher „Die Minoische Schrift“ von Kjell Aartun und „Evidence of Hellenic dialects in  the Phaistos disc“ von Steven Roger Fischer. Ich habe beide von Seite 1 bis zum Schluss gelesen. Ich kenne beide Autoren persönlich! Solche Bücher zu lesen erfordert ziemlich viel Zeit und man muss ständig in vorhandenen Katalogen recherchieren, in denen alle Alternativen der diversen Zeichen in den entsprechenden Systemen beschrieben werden. Glücklicherweise sind die meisten dieser Kataloge von Evans, Chadwick, Brice und Olivier/Godard etc. in der Bibliothek der Universität Oslo erhältlich. Durch diese Studien habe ich eine Menge über die wahre Natur des Diskus von Phaistos gelernt. Es hat somit fast 5 Jahre gedauert, bis ich die beiden Bücher und die dazu nötigen Studien bewältigt habe. Nachdem ich mich mit diesem Material vertraut gemacht habe, war es für  mich keine große Überraschung, die Schlussfolgerungen in Dr. Eisenbergs Artikel zu lesen. Die 9 Punkte waren mir durchaus vertraut! Am meisten wurde mein Argwohn gegen den Diskus von Phaistos durch die Lektüre der Arbeiten von Kjell Aartun und Steven Roger Fischer erregt.

Das sind meine 6 wichtigsten „Verdachtsmomente“:

  1. Keines der 45 Zeichen passt in eines der Systeme.
  2. Keine Kompatibilität mit anderen minoischen Schriften. Kjell Aartuns Buch Nr.1 befasst sich auch mit der Inschrift auf der „Bronzeaxt von Arkalochori“. Weil 60% dieser Zeichen einzigartig sind, war mir auch dieses Objekt suspekt! Das stellt auch Dr. Eisenberg eindeutig fest. Hat er möglicherweise noch Material für einen weiteren Artikel?
  3. Der Diskus ist einzigartig, aber der Diskus von Magliano ist offensichtlich Modell gewesen.
  4. Keiner der Stempel oder ein anderer Diskus sind je gefunden worden.
  5. Der Stil ist eine totale Mischung von  Elementen aus verschiedenen Epochen und Orten.
  6. Die Zeichen sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von fotografischem Naturalismus bis zum Abstrakten.

    Dank des Internets gibt es heute die Möglichkeit der weltweiten Kommunikation von Menschen mit gleichen Interessen. Gleichzeitig kann man sein Wissen auf den neuesten Stand bringen. Ich kenne viele Menschen, die meinen Argwohn teilen. Aber weil dieser Diskus zu einem „geheiligten Objekt“ gemacht wurde, fast zu einer Reliquie, wagt das niemand auszusprechen. Es könnte als Blasphemie ausgelegt werden! Die einzige Lösung um diese Diskussion zu jedermanns Zufriedenheit zu lösen, wäre die Durchführung eines „Thermoluminiszens-Tests“.  Mit diesem Test kann festgestellt werden, ob ein Objekt vor hundert Jahren oder vor über 3000 Jahren erzeugt wurde! Dr. Eisenberg  hat mehrmals versucht so einen Test durchführen zu lassen. Es war für ihn unmöglich den Diskus außerhalb des Schaukastens zu untersuchen. Hier ist die Kopie des Antwortschreibens von Dr. Nota Dimipoulo-Rethemiotaki, Direktor des Museums von Heraklion:

    „Lieber Dr. Eisenberg, in Beantwortung Ihres  E-Mails vom 25.Juli 2007, möchten wir Sie dahingehen informieren, dass wir leider nicht in der Lage sind Ihren Wunsch bezüglich einer Untersuchung des Diskus von Phaistos und der Axt von Arkalochori zu erfüllen. Die Axt von Arkalochori ist unter Verschluss und besonders verwahrt, der Diskus von Phaistos darf hingegen wegen seiner Einzigartigkeit nicht bewegt werden.“

    Jeder, der durch die Lektüre dieses Artikels noch nicht überzeugt werden konnte, wird es nach dem Lesen der Erklärungen des Museumsleiters nun sein.
    Für mich ist dieser Test unwichtig. Dr. Eisenbergs „9 Punkte – Beweiskette“ zusammen mit meinen eigenen Erfahrungen